Rechenzentren – Die nächste wachstumsindustrie

: Sten Feldreich

Facebook, Twitter und Pokémon Go erhöhen den Bedarf an Rechenzentren. Das bedeutet goldene Zeiten für Nordschweden.

E ine zuverlässige Stromversorgung ist für Rechenzentren unverzichtbar. Christiaan Keet arbeitet für den britischen Betreiber von Datencenter Hydro66. Hier, auf dem ehemaligen Militärgelände, 300 Meter entfernt vom Fluss Lule, der mit seinen Wasserkraftwerken der Stromlieferant Nummer eins unter Schwedens Flüssen ist, betreibt Hydro66 ein großes Rechenzentrum mit Option auf 14 weitere, ähnliche Gebäude.

Über Keets Kopf verlaufen Stromleitungen, die 400 Kilovolt Strom führen. Ein Teil davon wird zu einem neuen Umspannwerk in der Nähe geleitet, das Hydro66 versorgt. Die Entfernung zum Versorgungspunkt des Kunden ist minimal, und das Stromausfallrisiko gering, weil das Rechenzentrum den Strom über doppelt verlegte Kabel und von beiden Richtungen bekommt.

Das Umspannwerk könnte sogar noch mehr Rechenzentren versorgen. Kein Wunder, dass die Datencenter-Branche in der Region Norrland in Nordschweden auf dem Vormarsch ist. Das benachbarte Grundstück wird gerade für ein weiteres Unternehmen aus diesem Sektor erschlossen, dessen Identität noch geheim ist. 

Rechenzentren schießen hier wie Pilze aus dem Boden. Aber kaum jemand ist sich bewusst, dass jedes Mal, wenn wir unser Smartphone zum Surfen, Mailen oder Spielen nutzen oder eine App verwenden, irgendwo auf der Welt in einem Rechenzentrum die Computer für uns an die Arbeit gehen. Die Welt wird zunehmend digitalisiert und gleichzeitig steigt das Datenvolumen. Rechenzentren der ersten Generation befanden sich oftmals im Keller von Banken, Versicherungen und ähnlichen Unternehmen in großen Städten. Die Firmen fühlten sich sicher, weil ihre geschäftskritischen Daten in den eigenen vier Wänden verblieben. Mittlerweile ist das aber überholt. „Cloud“ lautet das Schlagwort, und Millionen von Computern sind in riesigen Rechenzentren an Standorten in Betrieb, die deutlich niedrigere Mieten erfordern als die Rechenzentren großer Metropolen.

„Die Datenspeicherung kostet hier fast die Hälfte weniger als in den Großstädten“, freut sich Keet, der kürzlich einen weiteren Kunden für seine Serverhalle gewinnen konnte.

Der Hype um den Bau von Rechenzentren in Norrland begann 2011. Damals richtete der Social-Media-Gigant Facebook ein Rechenzentrum in der nordschwedischen Stadt Luleå ein.

KEINE STROMAUSFÄLLE IN 20 JAHREN

Neben den Vorteilen der erneuerbaren Energie und des kalten Klimas, das Tausenden von wärmeabgebenden Computern eine kostenlose Abkühlung verschafft, überzeugte den Datengiganten vor allem die Qualität des Stromnetzes. Die Region Norrland ist traditionell mit der Zellstoffindustrie, dem Bergbau und der Stahlbranche verwurzelt, die alle strenge Anforderungen an die Stromversorgung stellen. Dadurch wurde ein zuverlässiges Stromnetz aufgebaut, was sich nun beim Kampf um die Branchen der Zukunft als Wettbewerbsvorteil erweist.

„Seit Mitte der 1990er ist unser Netz mit Sicherheit störungsfrei“, sagt Mikael Börjesson von der Technischen Universität Luleå, der die regionale Datenstrategie koordiniert. „Als Facebook erkannte, dass das Stromnetz hier mehr Betriebssicherheit bietet als ihre eigenen Notstromgeneratoren, war die Sache entschieden“, erzählt er.

Hydro66 hat seine Anlage in Boden, 30 Kilometer von Luleå und 90 Kilometer südlich vom Polarkreis. Die Stadt Boden war einst ein wichtiger Militärstützpunkt und hatte in den letzten 20 Jahren mit extremen wirtschaftlichen Widrigkeiten zu kämpfen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion waren im Zuge der Umstrukturierung der schwedischen Armee viele Stellen gestrichen und Einrichtungen geschlossen worden. Die Stadt, die vorher auf Jobs im öffentlichen Sektor aufbauen konnte, brauchte dringend eine neue Ausrichtung.

Erik Svensson, CEO der kommunalen Boden Business Agency, war einer der Ersten, die das Potenzial dieser Region für Rechenzentren erkannten.

„Die Standortbedingungen waren optimal: Es gab geeignete Grundstücke, Strom war vorhanden, und es standen unzählige bereits erschlossene ehemalige Militärflugzeughallen zur Verfügung“, berichtet er.

Es war ein langer Prozess, bis die kleine Gemeinde wieder auf die Beine kam. Noch länger hätte es allerdings gedauert, wenn man nicht auf die Unterstützung einer Gemeinschaftsinitiative gesetzt hätte: Node Pole ist ein Verbund von lokalen Unternehmen, Gemeinden und Kreisverwaltungen. Zusammen wollen sie die Einrichtung von Rechenzentren in der Region Norrland vorantreiben.

Christiaan Keet von Hydro66 ist zufrieden. Er freut sich, dass die von der örtlichen Baufi rma Vittjärvshus errichteten Gebäude im traditionellen Schwedenrot angestrichen werden und sich so harmonisch in ihre Umgebung einfügen. „Wir haben hier alles, was wir brauchen: ausfallsichere und günstige grüne Energie sowie die erforderliche Infrastruktur und Kompetenz. Unsere Leute sind darauf vorbereitet, wenn das Thermometer auf minus 30 Grad Celsius fällt, und sie wissen genau, was bei diesen Temperaturen möglich ist und was nicht. Aufgrund des Klimas sind wir auch nicht auf energiefressende Kühlsysteme angewiesen“, erläutert Keet.

IN REKORDZEIT IN BETRIEB

Die örtlichen Baufi rmen haben sich unter dem Dach der Boden Datacenter Builders zusammengeschlossen, einem Verband von 120 Handwerkern, die gemeinsam das gesamte Fachwissen zum Bau eines Rechenzentrums besitzen.

„Wir helfen bei Baugenehmigungen, Erdarbeiten, Bauausführung, Elektroinstallation, Kabelverlegung und vielen weiteren Schritten“, erklärt ihr Sprecher Niclas Norberg. Ein komplettes Rechenzentrum lässt sich so in nur vier Monaten bauen. Dieser Zeitvorteil wird von Svensson und seinem Team gern betont, wenn sie in Europa und in den USA auf Konferenzen der Rechenzentrumsbranche die Werbetrommel für ihre Stadt rühren.