Im Nordquadranten

: Pascal Nagel

Immer mehr Autobauer in Deutschland lagern rechenintensive IT-Prozesse in das kalte Klima Skandinaviens aus. Tatsächlich sprechen viele Gründe dafür, Daten auf die 2000 Kilometer lange Reise zu schicken.


Das kalte Klima Luleås lockt zahlreiche IT-Unternehmen in die Kleinstadt – nur 100 Kilometer südlich des Polarkreises

Luleå, Nordschweden. Keine 50 000 Einwohner leben in der kleinen Stadt an der Mündung des Flusses Lule Älv in die Ostsee. Im Schnitt klettert die Temperaturanzeige dort nicht über 1,3 Grad Celsius. Kein Wunder: Luleå liegt nur etwas mehr als 100 Kilometer südlich des Polarkreises. Die Beschreibung klingt nicht eben nach florierender Wirtschaft und Industrie. Doch weit gefehlt. Die Gemeinde beheimatet ein ganzes Konglomerat an modernsten Rechenzentren. Der prominenteste Nachbar in der „The Node Pole“ genannten Region ist zweifelsohne Facebook: Der Social-Media-Gigant betreibt ein Rechenzentrum auf einer Fläche von nicht weniger als 84 000 Quadratmetern. Auch Autobauer entdecken nun den hohen Norden zunehmend für sich und quartieren sich in Colocation-Standorte ein. Zum Beispiel lagert BMW Anwendungen in die schwedische Tech-Region aus, Volkswagen hingegen hat es nach Island verschlagen.


Auf 84 000 Quadratmetern kühlt der Social-Media-Riese Facebook seine Daten in der  schwedischen Tech-Region.

Der Weg in die Kälte scheint sich zu lohnen. „Nordische Länder bieten einen idealen Standort für Rechenzentren“, erklärt Christian Kallenbach, Director of Business Development beim Rechenzentrumsbetreiber Verne Global. „Island beispielsweise verfügt zum einen über ein konstant kühles Klima – die Durchschnittstemperatur liegt zwischen fünf und 13 Grad Celsius im Sommer wie im Winter.“ Dadurch könnten die Kosten für die intensive Kühlung der Server deutlich reduziert werden. Zum anderen sei der Strom in nordischen Ländern günstig und stamme zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Die Stromnetze zählen zu den stabilsten der Welt. Dies sind wohl die Hauptgründe, warum sich die Volkswagen-IT einen Serverbereich mit einer Leistung von einem Megawatt im Rechenzentrum von Verne Global im isländischen Keflavik gesichert hat. „Schon heute entwickeln und testen wir einen Großteil unserer Fahrzeuge virtuell. Selbst neue Fabriken simulieren wir am Bildschirm, bevor wir sie bauen. All das braucht viel Rechenleistung, der Bedarf steigt stetig“, sagt Harald Berg, verantwortlich für die Netzwerke und Rechenzentren bei Volkswagen. „Mit dem Standort in Island sorgen wir vor: Er bietet Platz für weitere Ausbaustufen und arbeitet besonders effizient.“ Über zwei Hochgeschwindigkeitsleitungen werden die Daten mit einem Gigabit pro Sekunde zwischen Wolfsburg und Keflavik ausgetauscht. Temperaturen, Energiequellen und Stromnetze bieten nicht erst seit gestern optimale Betriebsbedingungen für Rechenzentren. Ein Problem aber war bisher die Datenübertragung, wie Andy Long, CEO des Colocation-Anbieters Hydro66, weiß. Die hohen Kosten für Bandbreiten hätten dazu geführt, dass Rechenzentren entweder in der Nähe von großen Internetaustauschknoten wie dem DE-CIX in Frankfurt am Main oder direkt auf dem jeweiligen Werksgelände gebaut wurden, erklärt er. Heute aber ist Bandbreite günstig. „Nun macht es aus wirtschaftlichen und umweltbezogenen Überlegungen heraus Sinn, Daten zur Energie zu bringen, statt umgekehrt“, bringt es der CEO auf den Punkt.

Volkswagen und BMW nutzen das kalte Klima für rechenintensive sowie geschäfts- und zeitunkritische Anwendungen. Einfach gesagt: Was viel Strom verbraucht, aber keine niedrigen Latenzen voraussetzt, kann ausgelagert werden. In der Autobranche sind das insbesondere High-Performance-Computing-Prozesse (HPC) in Forschung und Entwicklung. „Das klassische Beispiel ist die Simulation von Crashtests in der Automobilbranche für Strukturanalysen und Auswertungen zur Sicherheit der Insassen“, sagt Long. BMW führe etwa eintausend solche Unfallsimulationen täglich durch, erklärt der Hydro66-Chef. Und diese HPC-Anwendungen sind regelrechte Stromfresser. „Studien zufolge macht HPC bis zu zehn Prozent des IT-Budgets aus, mehr als 30 Prozent davon müssen für die Stromversorgung und Kühlung von Rechenzentren aufgewendet werden“, ergänzt Verne-Global-Manager Kallenbach. „In solchen Fällen ist eine Auslagerung absolut sinnvoll.“ Ein weiterer Anwendungsfall kommt gerade erst richtig in Fahrt und könnte in Zukunft den einen oder anderen Autobauer mehr in den Schnee zwingen: das Connected Car. OEMs müssten sich die Frage stellen, wo die wachsenden Datenmengen aus dem vernetzten Fahrzeug gespeichert und verarbeitet werden, sagt Long. „Es macht aus finanziellen Gründen Sinn, diesen Speicherort in einer kostengünstigen effizienten Umgebung zu implementieren.“ Daher kommen gerade für Big-Data-Anwendungen die „Nordics“ wieder ins Spiel. Am Ende läuft es auf eine Abwägung von Latenzzeit und Strombedarf hinaus. Klar wird es auch in Zukunft Prozesse geben, die weiterhin on-premise betrieben werden. Als Beispiele sind Anwendungen wie Noise-Vibration-Harshness-Messungen zu nennen, also die Analyse störender Geräusche und Vibrationen im Fahrzeug. Das Zauberwort heißt daher: Arbeitsteilung. „In der Zukunft werden die Hersteller sowohl Rechenzentren auf dem eigenen Firmengelände betreiben als auch mit Colocation-Anbietern zusammenarbeiten“, ist sich Christian Kallenbach sicher. Klimatisch unwirtliche Regionen auf der Welt haben gute Chancen, sich zu echten Protagonisten der Digitalisierung zu entpuppen.

 

Good to know

Rund 6600 Kilometer vom US-amerikanischen Virginia bis in die nordspanische Hafenstadt Bilbao: Die beiden IT-Riesen Microsoft und Facebook bauen derzeit ein neues Unterseekabel. Die Marea genannte Leitung soll ab Oktober 2017 Daten mit einer Geschwindigkeit von bis zu 160 Terabit pro Sekunde über acht einzelne Glasfaserpaare zwischen den Kontinenten austauschen. Das Seekabel sei die bislang sowohl leistungsstärkste als auch südlichste transatlantische Verbindung und zugleich die erste zwischen den USA und Südeuropa, teilen die beiden Unternehmen mit. Von Bilbao
aus reicht die Leitung weiter zu Netzwerk-Hubs in Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Asien. Betrieben wird Marea künftig von Telxius, der Infrastrukturtochterfirma des spanischen Telekommunikationskonzerns Telefónica.

 

Written by AutomotiveIT 
Redakteur: Pascal Nagel
Fotos: Gunnar Svedenbäck, Sweco Illustration: Sabina Vogel